Manuel Neuer – Idol einer Altersgesellschaft
Ziemlich spät berief Fußball-Bundestrainer Julian Nagelsmann den 41-jährigen Manuel Neuer, der gerade für ein weiteres Jahr beim FC Bayern verlängert hatte, zur Nummer Eins bei der WM. Dafür sprechen sportliche Gründe. Wenn der Mann mal auf zwischen zwei Verletzungen auf dem Platz steht, zählt er noch immer zu den Besten der Welt.
Mutmaßlich gab es auch, meine ich, nicht-sportliche Gründe. Manuel Neuer gilt als Idol des deutschen Fußballs. Freundlich, erfolgreich, in der Ehe treu. Fans strömten hauptsächlich für ihn nach Herzogenaurach in das Trainingslager der Nationalmannschaft. Eine Boulevardzeitung zeigte das Ehepaar in edlem Outfit auf dem Titelblatt. Ein richt-royales Königspaar.
Der Hype um Manuel Neuer hat nach meinem Dafürhalten viel mit der Altersgesellschaft seiner Heimat, der Bundesrepublik Deutschland, zu tun. Manuel Neuer tut, was viele Deutsche tun: er stemmt sich mit Ehrgeiz und Training gegen sein persönliches Älterwerden und seine berufliche Ausmusterung. Manuel Neuer erlaubt die Illusion, 41 seien die neuen 31.
Die Medien sezieren jeden Wadenkrampf, jede kleine und größere Verletzung des Mannes, so wie viele Deutsche nach einer falschen Bewegung im Fitnessstudio. Zum Erhalt ihres Selbstwertgefühls schaufeln sie sich zwischen Studiobesuchen mit Proteinen voll. Wenn Manuel Neuer verletzt bei einem Länderspiel zuguckt, wünschen sie ihm schnelle Genesung. Sich selbst auch.
Als West-Boomer – Angehöriger der geburtenstärksten Jahrgänge in der alten Bundesrepublik – erinnere ich mich an Sportlerinnen und Sportler, die für ihre Klasse in jungem Jahren verehrt wurden. Etwa die Turnerin Olga Korbuti bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Manuel Neuer erlangt Ruhm, weil er sein Karriereende künstlich hinauszögert. Bloß nicht älter und alt werden – schon gar nicht sterben!
4. Juni 2026
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