Buchbesprechung: „Helmut Schmidt und Karl Popper – Gespräche ohne Zigaretten“
Für Karl Popper verzichtet Helmut Schmidt sogar auf Zigaretten
Der Philosoph Thomas Stölzel erzählt von den Begegnungen des Altkanzlers mit dem österreichisch-britischen Philosophen und Wissenssoziologen Karl Popper. Schmidts einzigem seiner vier „Hausapotheker“ in der Gegenwart.
Keine Angela Merkel, kein Mann im Bundeskanzleramt beruft sich so häufig auf philosophische Köpfe wie Helmut Schmidt, sozialdemokratischer Bundeskanzler zwischen 1974 und 1982. Er nennt sie „Hausapotheker“ seines politischen Denkens und Handelns. In Schmidts Arzneischrank stehen
- die „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers und philosophischen Stoikers Marc Aurel. Helmut Schmidt bekommt ein Exemplar zu seiner Konfirmation geschenkt und trägt es im Zweiten Weltkrieg mit sich herum. Im Brotberuf muss Marc Aurel militärische Entscheidungen treffen. In seiner Schrift mahnt er sich selbst und seine Leser zu Selbstreflexion und Gelassenheit.
- Immanuel Kants kleine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Politischer Frieden, so der große Königsberger Philosoph, ist niemals dauerhaft. Frieden muss immer wieder neu gestiftet werden durch kluges, vernünftiges Handeln. Frieden ist kein Geschenk, sondern Ergebnis immerwährender Anstrengungen.
- der Soziologe Max Weber unterscheidet in seiner Rede „Politik zum Beruf“ zwischen der Gesinnungs- und Verantwortungsethik eines Politikers. Helmut Schmidt versteht sich als Verantwortungsethiker. Frei von Flausen im Kopf, beschäftigt mit der Wirklichkeit. Für Weber – und Schmidt - ist Politik ein Bohren dicker Bretter mit Augenmaß und Leidenschaft zugleich.
- Der Philosoph Karl Popper fasziniert Schmidt mit seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Helmut Schmidt nennt es ein „fabelhaftes Buch“. Popper entzaubert darin politische Heilslehren von Platon, Hegel und Marx. Politik muss sich um das Machbare kümmern und nicht um das Wünschbare. Helmut Schmidt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“
Mathematisch gesprochen bildet Helmut Schmidt die gemeinsame geistige Schnittmenge aus Marc Aurels, Immanuel Kants, Max Webers und Karl Poppers Postulaten. Jeder seiner Hausapotheker könnte sich zu eigen machen, was der jeweils andere postuliert. Helmut Schmidt ist ein philosophischer Eklektiker, der die Denker zu Kronzeugen eigener Überzeugungen macht. Er schmückt sich nicht mit Marc Aurel und Co., sondern erläutert mit ihrer Hilfe, wie er denkt und „tickt“.
Über die Art und Weise, wie Helmut Schmidt von seinen „Hausapotheker“ Gebrauch macht, gibt es schon viel Literatur. (Darunter ein Buch von mir.) Neu ist der Zugang, den der Philosoph Thomas Stölzel in seinem Buch „Helmut Schmidt und Karl Popper. Gespräche ohne Zigaretten“ wählt. Er konzentriert sich auf das zunächst geistige, später persönliche Verhältnis zwischen dem fünften Bundeskanzler Helmut Schmidt und dem Philosophen des Kritischen Rationalismus, Karl Popper.
Übrigens verzichtet Helmut Schmidt bei den Treffen mit Karl Popper – der Untertitel von Stölzels Buch weist darauf hin – auf Zigaretten. Popper reagiert cholerisch, wenn er Nikotin riecht. Helmut Schmidt behilft sich mit Schnupftabak. Ob er zwischendurch eine Zigarettenpause macht, ist nicht überliefert.
„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ - Helmut Schmidt
Schmidt „entdeckt“ Popper in den 60er Jahren. Im Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ gefällt ihm, wie der Philosoph die wirkmächtigsten Heilslehrer der Geschichte zerlegt. Schmidt selbst verachtet alle Ideologie in der Politik. Er missbilligt Gesellschaftsentwürfe, will politische Probleme lösen mit Vernunft und Verstand.
Die Stärke des Buches liegt in der Doppelerzählung – der Autor nennt sie „duographische Skizze“ – von Poppers und Schmidts Denkweg. Der eine als Wissenschaftler, geprägt in der Zeit von Stalin-Kommunismus und Hitler-Faschismus, der andere Politiker ein „gelernter Demokrat“ (Klaus Stephan) mit geistigen Grundlagen. Stölzel beschreibt interessante Parallelen und Übereinstimmungen, auch Unterschiede in Charakter und Persönlichkeit. Karl Popper hat einen cholerischen, Helmut Schmidt einen herablassenden Zug.
„Beide waren eher kleingewachsen (Popper sogar sehr klein) und mit einem starken, wirkungsmächtigen Ego ausgestattet; sie wollten beide erklärtermaßen für ihre Leistungen anerkannt (was ja auch geschehen ist) als persönlich geliebt oder gar bewundert werden.“
Christop Stölzel
Poppers Schreibstil ist minimalistisch, aber nicht banal. Er kommt mit einfachen, leicht lesbaren Sätzen aus. Er will mit der Einfachheit seiner Sprache betören. Seine philosophischen Gedanken so leicht verdaulich servieren wie möglich.
Das kommt Helmut Schmidt, der erst spät und nur kurz studieren kann, sehr entgegen. Schmidt ist ein intellektuell brillanter Kopf mit einem politischen, keinem wissenschaftlichen Gestaltungswillen. Er sprich und schreibt Klartext. „Kein Quallenfett bitte!“, sagt er in Sitzungen, wenn jemand vom Hölzchen auf Stöckchen kommt.
Stölzels „Duographie“ krankt daran, dass er die Zeit und Kraft, die ein Politiker zum Austausch mit Nicht-Politikern zur Verfügung hat, idealisiert. Schmidts Gesprächsauftakt, ein Telegramm zum 75. Geburtstag des Philosophen, ist mutmaßlich von Mitarbeitern verfasst. Auch die eindrucksvolle Rede von Helmut Schmidt auf Immanuel Kant. Natürlich, derlei Texte entstehen in Schmidts Sinn. Sie können ihm ganz wörtlich zugeschrieben werden. Nicht weniger. Nicht mehr.
Es liegt eine Faszination darin, politische Theorie und praktisches Handeln aufeinander zu beziehen. Was Helmut Schmidts „geistige Grundlagen“ angeht, habe ich darüber vor Jahrzehnten geforscht. Heute bin ich, was diesen Ansatz angeht, skeptischer. Fast immer werden Entscheidungen, lehrt die politische Praxis, hinterher philosophisch und moralisch ummantelt. Auch Schmidts rationales Kalkül im Sinne der Staatsräson, das Leben des 1977 entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer zu opfern. Helmut Schmidt wird nach dem Deutschen Herbst gern an den vermeintlich schweren Gewissenskonflikt der Bonner Spitzenpolitiker in dieser Zeit erinnern. „Wir haben lange mit uns gerungen – zutiefst ergriffen und zugleich auch unter aller unserer Vernunft“, sagt der Bundes-kanzler auf dem Evangelischen Kirchentag 1981. Nein, das haben Helmut Schmidt und die Seinen nicht, wie ich in meinem neuen Buch schildere. Tatsächlich handeln die politisch Verantwortlichen vom Anfang bis zum Ende des Deutschen Herbstes kühl und konsequent. Knallhart. Hoch relevant ist und bleibt politische Theorie, wenn sie Fingerzeige für die Gegenwart gibt. Und das Politikverständnis bedeutender Frauen und Männer hinterfragt. Christoph Stölzel liefert jeweils Beispiele dafür. Karl Popper formuliert in seinem frühen Hauptwerk das Paradox der Toleranz.
„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.“
Karl Popper
Poppers Gedanke führt direkt zum Konzept der wehrhaften Demokratie, wie es im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland formuliert ist Eine Demokratie darf und kann sich gegen ihre Gegner wehren. Keine Freiheit den Feinen der Freiheit! Mit Blick auf die AfD – mehrere ihrer Landesverbände gelten als gesichert rechtsextrem – steht eine Antwort aus.
Thomas Stölzel beschreibt das sehr ähnliche Politikverständnis von Karl Poppler und Helmut Schmidt und erläutert es mit der Kritik an seinem Gegenteil, für das – so Stölzel – Bundeskanzler Konrad Adenauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel stehen. Adenauers Wahlslogan von 1957, „Keine Experimente!“ sei demokratiefeindlich gewesen. Das Konzept eines politischen Stillstands. Adenauer verspricht Sicherheit auf Kosten der Freiheit. Adenauers letzte Kanzlerjahre sind von Unbeweglichkeit, ja Starrheit geprägt, Stölzel fühlt sich an ein kürzliche Nachfolgerin im Kanzleramt erinnert, Angela Merkel. Sie nennt ihre Politik „alternativlos“. Stölzel wörtlich: „Da, wo Alternativlosigkeit herrschen soll, benötigt man keine Experimente, die hat man dann bestenfalls hinter sich.“ Auch Angela Merkel will Sicherheit vermitteln („Sie kennen mich“, sagt sie am Ende eines TV-Fernsehduells mit Peer Steinbrück.) wie Konrad Adenauer, während für Karl Popper und Helmut Schmidt – so der Buchautor - Freiheit das „wichtigste Anliegen“ gewesen sei.
Was mich persönlich vor die Frage bringt, weshalb Adenauer, Kohl (der sich gern auf Adenauer beruft) und Frau Merkel die mit Abstand längste Regierungszeit erzielen.
Thomas Stölzel: Helmut Schmidt und Karl Popper. Gespräche ohne Zigaretten. Verlag Karl Alber Baden-Baden 2025