August Glucker: Natürlich atmen bei der Springseil-Gymnastik
August Glucker gründete 1921 in Stuttgart eine Schule für „allseitige harmonische Körpererziehung“. Sein frühes Fotoarchiv sollte auf den Müll – und wurde gerettet.
Es begab sich zu einer Zeit, da jemand in Stuttgart in der Panoramastraße vor sich hinschlenderte. Diese Person hielt inne vor der Hausnummer 4 ob des Gutes, das offenbar zum Sperrmüll bestimmt und zur Abholung bereitgestellt ward.
Es handelte sich um lauter gleich große, sorgfältig von Packpapier umhüllte Gegenstände. Jeweils so groß wie drei nebeneinander liegende Zigarettenschachteln. Bei ein paar Exemplaren ganz oben ward das schützende Papier lieblos aufgerissen.
Ein paar Leute trieb mutmaßlich die Neugier, doch sie scheinen enttäuscht von dem merkwürdigen Fund. Was anfangen mit uralten Glasplatten, auf denen sich schwer deutbare Schwarz-weiß-Motive befanden? Sperrmüll eben.
Sperrmüll in der Panoramastraße
Anders diese Persönlichkeit mit Feinsinn und Bildung Sie schaute aus ehrlichem, detektivischem Interesse hin. Sie war sogleich fasziniert von den Dokumenten aus einer ganz anderen Zeit.
Im Tageslicht verbergen die Platten ihre Geschichte und Bedeutung. Doch geben sie genug preis, um darauf Menschen zu erkennen. Menschen bei gemeinsamer Gymnastik. Menschen, die sich synchron bewegen.
Die Person fasste sich ein Herz und beschloss, das zur Waisin erklärte Gut an sich zu nehmen, auf dass es ganz wörtlich näher betrachtet wird. Sie brachte die Glasplatten an einen Ort, wo sie bis heute die Zeit überdauern.
„Julius Stoess. Photohaus. Stuttgart, Schloßstraße 129“, lautet die Stempelzeile auf dem Packpapier. Dort wurden die Glasplatten wohl produziert. Die Motive selbst stammen mutmaßlich von einem Mann, über den hier zu erzählen sei.
Die Motive zeigen Turnerinnen, die sich recken und strecken im harmonischen Gleichklang. Sie tragen keusche Sportkleidung im Stil der Zeit. Es gibt auch klassische Gruppenbilder, alle schauen und lächeln in dieselbe Richtung.
Die Kamera wirft einen Blick in den Schlafsaal der Schule. Auf einem anderen Motiv sitzt ein Mann an einem mit Verzierungen versehenen Klavier, die Kamera hält den Spieler von schräg hinten fest.
Eine weitere Motivgruppe zeigt ein nacktes Mädchen und einen nackten Knaben. Oder nackte Mädchen oder nackte Knaben. Oder eine nackte Mutter mit nackter Tochter oder nacktem Knaben.
Mädchen und Knabe, Mutter und Kind
Es handelt sich mutmaßlich um keine erotische Fotografie, sondern um Dokumente der sogenannten Lebensreformkultur, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts populär war. Ihre Anhänger verweigerten sich der Moderne, die den Menschen zur Maschine macht.
Auf vielen Feldern krempelten sie ihr Leben um. Sie ernährten sich vegetarisch und lebten in Gemeinschaften zusammen. Sie legten Wert auf Körperpflege. Die Lebensreformkultur war maßgeblich ein Körperkult und eine Freikörperkultur.
In diese Zeit fallen die Anfänge der FKK-Bewegung. Der menschliche Körper wird gezeigt, wie er ist. Gymnastik und Turnen wird nach draußen, an die frische Luft, verlegt. Sogenannte Luftbäder entstanden.
Der Mensch soll sich im Gleichklang mit anderen Menschen bewegen. Gemeinsam Gymnastik treiben für einen gesunden Geist und eine gesunde Seele. Heutzutage würde dieser Ansatz ganzheitlich genannt.
Leni Riefenstahl wird später diese Körper- und Bewegungskultur in ihren Filmen missbrauchen zur Verherrlichung des verbrecherischen NS-Regimes. Die Gemeinschaft einer Gymnastikgruppe als Zelle der sogenannten Volksgemeinschaft.
Körper und Atem in Einklang zu bringen lautete das weitergehende Ziel von August „Ago“ Glucker, für das er seine Sport- und Gymnastikschule in Stuttgart schuf. Am Kräherwald 188.nahe dem späteren Standort Panoramastraße 4.
Er wollte pädagogisch wirken über die neue Schule hinaus. 1923 erschien das erste von vielen Glucker-Büchern, „Springseil-Gymnastik und Atmung“. Mit derlei Übungsbüchern für Gymnastik und Atmen ward „Argo“ der Erste seiner Zunft.
„Allseitige harmonische Körpererziehung“
August „Argo“ Glucker war zweifellos ein findiger Pädagoge. Persönlich hielt er sich in mehreren Sportarten fit. Geboren am 2. August 1895 in Osterholz bei Kirchheim am Ries, ging er erst. 1952, mit 57 Jahren, den Bund fürs Leben ein. Eleonore, die Angetraute, war 30, sprich 27 Jahre jünger als er.
1931 meldete Glucker sein „Kino-Sportbuch“ zum Patent an. Das schnelle Durchblättern seiner Übungsfotos erzeugt beim Leser den Eindruck, als liefen die Übungen vor seinen Augen wie ein Film ab.
Übungsbuch nach dem „Daumenkino“-Prinzip
1933 wurde August "Argo" Glucker durch Staatskommissar Kapitän Paul Lambert Werber seines Postens enthoben. Nachdem Staatskommissar Kapitän Werber von 1935 bis 1938 als Sendeleiter am Reichssender Hamburg wirkte und 1938 Intendant des Reichssenders Frankfurt wurde, erfolgte Gluckers Wiedereinsetzung mit seiner offensichtlich erfolgreichen Morgensendung durch Intendant Alfred Bopfingen.
„Guten Morgen liebe Frühgymnastiker“, lautete Gluckers stereotype Begrüßung. Die Übungen dauerten immer fünf Minuten. Bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 gab es eine Art Sondersendung.
Glucker moderierte die Sendung vom Olympiastadion aus. Auf dem Rasen turnten die Athleten mit, am Radio die Deutschen aus dem Reich. Für Gluckers Sendung wurden alle Radiosender zusammengeschaltet.
Was August „Argo“ Glucker zum Vorläufer für Leibesübungen in Funk und Fernsehen macht. Kareen Zebroff lehrte den Westdeutschen in den 70-ern Yoga, Jane Fonda machte in den 80-ern Aerobic populär.
August „Argo“ Glucker verfügte über ein Gespür dafür, die jeweils neuen Medien – Fotografie, Radio - für seine sportpädagogische Arbeit zu nutzen. Er starb am 16. August 1975 in Stuttgart.
Ein Konvolut seiner ganz frühen Fotos wurde rechtzeitig gerettet.