Helmut Schmidt: Eine Großnichte in Jerusalem
Immanu-El Adiv gehörte zur jüdischen Linie von Helmut Schmidts Familie. Sie wurde 1927 in Bernburg/Saale (Sachsen-Anhalt) geboren und starb am 19. November 2025 in Jerusalem. (Quelle: privat)
Der Tod von Immanu-El Adiv (geb. Liselotte Gumpel) wirft ein Licht auf Helmut Schmidts jüdische Linie
Helmut Schmidt, einer der bedeutendsten Politiker der alten Bundesrepublik, wird am 23. Dezember 1918 geboren. Welches Schicksal seinem Vater – und mittelbar ihm selbst – durch einen glücklichen Zufall erspart blieb, erfuhr Immanu-El Adiv am eigenen Leib. Die als Liselotte Gumpel 1927 in Bernburg (Saale) Geborene gehört zur jüdischen Linie des Altkanzlers, sie ist Helmut Schmidts Großnichte. Angehörige dieser Linie wurde von den Nazis aus Deutschland vertrieben oder ermordet. Immanu-El Adiv ist am 19. November 2025 im Alter von 98 Jahren in Jerusalem gestorben.
Zu Gast bei Loki und Helmut Schmidt
Hamburg, an einem Mai-Abend 1999. Altkanzler Helmut Schmidt bekommt Besuch von der Verwandtschaft. Immanu-El Adiv möchte endlich ihren berühmten Großcousin kennenlernen, nachdem Hamburger Genealogen überraschend auf die Verbindung zwischen den Familien Gumpel und Schmidt gestoßen sind.1
Helmut Schmidts Gattin Loki, Bruder Wolfgang und dessen Frau Gesa empfangen die alte Dame in Hamburg-Langenhorn. Immanu-El Adiv schwärmt im Gespräch mit mir von deren Gastfreundschaft. Alle Drei seien sehr herzlich und am Thema interessiert gewesen.
Später kehrt auch Helmut Schmidt von einem Termin zurück. Der Altkanzler setzt sich hinzu. Nach einer halben Stunde verabschiedet sich der über 80-Jährige mit dem Hinweis, er sei müde und wolle schlafen gehen. Gesa macht noch ein Foto des Gastes mit Helmut und Wolfgang Schmidt.
Rückblende
Hamburg, im Sommer 1887. Ludwig Gumpel, Angehöriger einer jüdischen Familie aus Bernburg in Sachsen-Anhalt, kommt für Bankgeschäfte nach Hamburg. In einem Café fällt ihm eine junge Kellnerin auf, Friederike Wenzel. Beide verabreden sich für den Abend. Er führt sie ins Theater aus, später gehen sie gemeinsam essen Dabei schenkt Ludwig Gumpel ihr immer wieder Wein nach, wie Friederike Wenzel später betonen wird. Die beiden verbringen die Nacht zusammen. Danach ist Friederike Wenzel schwanger.
Ludwig Gumpel hat bereits Frau und Kind - es werden zwei weitere hinzukommen - in seiner damals mitteldeutschen Heimat, in Bernburg an der Saale. Ein Bekenntnis zum unehelich gezeugten Kind kommt nicht infrage. Schon gar nicht seine Aufnahme in die eigene Familie.
Folgenreicher Theaterabend
Friederike Wenzel selbst führt ein unstetes Leben mit wechselnden Adressen und Anstellungen. Sie verlor früh ihre Eltern und musste – so der Brauch damals – als ältestes Kind aus dem Haus. Friederike Wenzel beschließt, das Kind nicht selbst großzuziehen, sondern zur Adoption freizugeben. Hier mag eine Rolle spielen, dass Ludwig Gumpel einmalig eine Geldsumme zahlen will, um sich „freizukaufen“.
Sie spricht ein befreundetes Ehepaar an, das Geld braucht für einen eigenen Hausstand. Noch während der Schwangerschaft vereinbaren Friedrich Wenzel und Gustav Schmidt mit seiner Frau Catharina die Adoption. Die „Ablösesumme“ für den kleinen Gustav Ludwig, der im Jahr 1988 auf die Welt kommt, stammt vom leiblichen Vater Ludwig Gumpel.
Catharina Schmidt bekommt bald ein eigenes Kind. Mit ihm zusammen wird auch der Adoptivsohn Gustav Ludwig getauft. Seine leibliche Mutter Friederike Wenzel ist bei der Taufe dabei. Das Ehepaar Schmidt und Friederike Wenzel sind einander freundschaftlich verbunden. Was sie nicht wissen können: Von 1933 an auch auf schicksalhafte Weise.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten beginnt die Verfolgung von Menschen sogenannter nicht-arischer Herkunft, darunter Jüdinnen und Juden. Die Verfolgung trifft auch die in Mitteldeutschland weit verzweigte Familie Gumpel. Angehörige müssen emigrieren, werden ermordet, wählen aus Verzweiflung den Freitod.
Leibliche Mutter bei Taufe dabei
Immanu-El Adiv, die Nichte Zweiten Grades von Ludwig Gumpel, dem leiblichen Großvater von Helmut Schmidt, kommt 1887 als Liselotte Gumpel zur Welt. Die Familie lebt wie Ludwig Gumpels Familie in Bernburg. Bereits an ihrem ersten Schultag am 1. April 1933 wird Liselotte wegen ihrer jüdischen Herkunft gedemütigt. Während des Unterrichts muss sie in einer Ecke stehen. Noch im hohen Alter erzählt sie mir bildhaft davon.
Ihre Familie hofft, unbehelligt zu bleiben, Vater Paul kehrte als Träger des Eisernen Kreuzes aus dem Ersten Weltkrieg heim. Die „Reichskristallnacht“ 1938 macht diese Hoffnung zunichte. Anfang 1939 gelingt der Familie die Flucht in das britische Mandatsgebiet im Nahen Osten. In diesem Gebiet entsteht später „Erez Israel“, der erste jüdische Staat. Immanu-El Adiv gehört zu seiner ersten Gründergeneration. Im Alter lebt sie bei ihrem Sohn Uriel Adiv, der als Übersetzer in der israelischen Politik arbeitet. Er dolmetschte bei Treffen zwischen der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen wie aktuellen israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu.
Sohn übersetzte für Angela Merkel
Gerrit Aust und Irmgard Stein legen 1999 eine wissenschaftliche Studie über die jüdische Linie von Helmut Schmidt vor. Helmut Schmidts jüngere Bruder schreibt ein Nachwort. Die Autoren überlassen es Leserinnen und Lesern, die dramatische Conclusio aus den Forschungen zu ziehen.
Mutmaßlich durch einen glücklichen Zufall entkommt Gustav Ludwig Schmidt, der Vater des späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, einer Verfolgung durch die Nazis. In der Familie seines leiblichen Vaters Ludwig Gumpel hätte er miterlebt, wie der Bankier das Bankhaus verkaufen muss. Und die soziale Acht von Jüdinnen und Juden zu dieser Zeit.
Gustav Ludwig Schmidt muss als sogenannter Halbjude, wie es im Hitlerdeutschland verächtlich heißt, seine jüdischen Wurzeln geheim halten. Nicht er, seine Frau erzählt den Söhnen davon. Sie schärft Helmut und Wolfgang ein, mit niemandem darüber zu sprechen - nicht einmal mit dem eigenen Vater.
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1 Aust, Gerrit/Stein, Irmgard: Gumpel-Wenzel-Schmidt. Die unbekannten Vorfahren von Helmut Schmidt, Hamburg 1994